04.03.2008

Weniger Mittelschicht, mehr Armutsgefährdete

Die deutsche Mittelschicht schrumpft stärker als bisher angenommen. Gleichzeitig hat auch die soziale Mobilität, also die Möglichkeit die eigene Einkommensposition wesentlich zu verbessern, abgenommen. Das schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in seinem aktuellen Wochenbericht, in dem es die Einkommenssituation in Deutschland auf der Basis der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) analysiert.

"Die Einkommen der oberen Hälfte der Einkommensbezieher sind schneller gewachsen als die der unteren Hälfte, das heißt, die Einkommensungleichheit hat zugenommen." Das folgern die Forscher aus dem zunehmenden Abstand zwischen dem Durchschnittseinkommen und dem Einkommen, das die ärmeren 50 Prozent von den reicheren 50 Prozent trennt. Wächst dieser Abstand zwischen Durchschnitt und Mitte, so bedeutet dies, dass die reichere Hälfte mehr und die ärmere Hälfte der Bevölkerung weniger Geld zur Verfügung hat.

1992 zählten knapp 62 Prozent der deutschen Bevölkerung zur "Mittelschicht", also zu den Menschen, die 70 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Seit dem Jahr 2000 beobachten die Forscher, dass die Einkommensmittelschicht schrumpft. Sie macht inzwischen nur noch gut die Hälfte der Gesamtbevölkerung (54 Prozent) aus. Auch innerhalb der Mittelschicht wachsen die Unterschiede. So hat die Gruppe der "Durchschnittsverdiener“ mit einem Rückgang von rund fünf Prozent am stärksten abgenommen.

Die meisten "Ehemaligen" aus der Mittelschicht sind nicht reicher, sondern ärmer geworden. Zwar schafften elf Prozent der ehemaligen Mitte den Sprung nach oben – doch die überwiegende Mehrheit musste in den vergangenen Jahren mit Einkommenseinbußen rechnen – zumindest im Vergleich zum mittleren Einkommen. Besonders stark trifft diese Entwicklung Familienhaushalte, von denen 2006 mehr als drei Millionen Personen weniger als 1996 der Mittelschicht angehörten.

Gleichzeitig wird es für Menschen mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen immer schwieriger, (wieder) aufzusteigen. Die Wissenschaftler sprechen hier von einer "Verfestigung der Einkommenspositionen". Während zwischen 1996 und 2000 rund 54 Prozent aller armutsgefährdeten Personen auch nach fünf Jahren noch arm waren, lag die ihre Quote für den Zeitraum 2002 und 2006 bei mehr als 66 Prozent. Der obere Rand der Einkommenshierarchie ist ebenfalls stabil. Rund 69 Prozent der Reichen befanden sich auch noch nach fünf Jahren in dieser Einkommensschicht.

Den Grund für diese Entwicklung sehen die Forscher in erster Linie bei Arbeitslosigkeit sowie den niedrigeren Lohnersatzleistungen beim Bezug von Arbeitslosengeld II. Zudem habe das Risiko, arbeitslos zu werden zugenommen, ebenso wie die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit. Ein anderer Faktor sei die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und damit die abnehmende Zahl an "Normalarbeitsverhältnissen", also unbefristeten Vollzeitstellen.

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