Weniger Druck auf Arbeitslose ist effektiver 

Eine zentrale Arbeitsmarkttheorie besagt: Je höher das Arbeitslosengeld, desto mehr Zeit lassen sich Arbeitslose auf der Suche nach einem neuen Job. In der Sprache der Ökonomen bezeichnet man diesen Fall als „moralische Gefahr“: die Menschen missbrauchen staatliche Leistungen. Nun kommt der Wissenschaftler Ray Chetty von der Universität Berkely in Kalifornien zu einem anderen Ergebnis: Die negativen Anreiz-Effekte auf das Verhalten der Betroffenen werden deutlich überschätzt. Das berichtet das „Handelsblatt“.



Ein höherer Druck durch geringeres Arbeitslosengeld lässt Arbeitslose zwar schneller einen Job annehmen, aber gesellschaftlich betrachtet liegt in einer längeren, dafür aber gewissenhafteren Suche nach einem passenden Job der größere Nutzen. Denn ein Facharbeiter, der gezwungen ist, als Hilfsarbeiter zu arbeiten, verliert im Laufe der Zeit seine speziellen Fähigkeiten. Der Gesellschaft entgehen neben seinem Know-how vor allem höhere Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.



Empirische Studien von Ray Chetty in den USA zeigen, dass nur Menschen ohne finanzielle Rücklagen oder Abfindung bei einer höheren Arbeitslosenversicherung länger arbeitslos bleiben. Denn der wichtigste Effekt der Arbeitslosenversicherung ist der, dass Arbeitslose bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle kurzfristig vor großen Einkommensverlusten geschützt sind. Ohne staatliche Transferleistungen hätten sie keine Möglichkeit, nach einer besseren Arbeitsstelle zu suchen. Steigt nun das Arbeitslosengeld um zehn Prozent, verlängert sich bei finanziell schwachen Menschen auch die Zeit der Arbeitslosigkeit um sieben bis zehn Prozent. Diese Phase nutzen sie für eine intensive Suche nach einer neuen Arbeitsstelle.



Wer dagegen durch ein vorheriges höheres Einkommen oder eine Abfindung finanziell besser gestellt ist, ist auf staatliche Transferleistungen kaum angewiesen. In diesen Fällen hat eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes keinen Einfluss auf die Dauer der Arbeitslosigkeit. Finanziell abgesicherte Menschen sind per se in der Lage, sich mehr Zeit zu lassen, um einen ihren Fähigkeiten entsprechenden neuen Job zu suchen.