Kommentar: Wie viel Indexhörigkeit braucht die Wirtschaft?


ZEW, ifo, GfK –
Wie viel Indexhörigkeit braucht die Wirtschaft?

von Eike Böttcher

Frau zeigt auf Index ChartEs gibt mal wieder Indexzahlen. Sowohl das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) an der Ludwig-Maximilians-Universität München als auch die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben den Stand ihrer populärsten Indizes veröffentlicht. Und es sieht düster aus für die deutsche Wirtschaft. Der ifo-Geschäftsklimaindex sank nicht nur zum dritten Mal in Folge, sondern auch noch stärker als von Experten erwartet. Der Konsumklimaindex der GfK fiel ebenfalls, und zwar auf den tiefsten Stand seit Sommer 2003, berichten nahezu alle Wirtschaftsmedien besorgt.

Klingt so, als könnte der Wirtschafts- und Finanzstandort und mit ihm auch der Arbeitsplatz Deutschland einpacken. Doch gaben die Wirtschaftsindizes eigentlich jemals Anlass zur Hoffnung? Der einfache Konsument und Arbeitnehmer, den die Zahlen aus den Instituten massiv betreffen bzw. der sie im Falle des Konsumklimaindex sogar beeinflussen soll, muss zwangsläufig den Eindruck gewinnen: "Schlimmer geht's nimmer!". Fallen die Zahlen einmal nicht auf irgend einen historischen Tiefstand, stagnieren sie entweder, oder steigen nicht so hoch wie von Fachleuten erwartet. Bei der Masse an Indizes, die sich mit den Befindlichkeiten der deutschen Wirtschaft befassen, gibt es jedoch immer einen, der Ökonomen die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Der ifo-Index

Der Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts gilt als ein Frühindikator für die Entwicklung der nationalen Konjunktur. Für die Ermittlung werden rund 7.000 Unternehmen verschiedenster Branchen nach ihrer Einschätzung der Geschäftslage befragt. Als Antwortmöglichkeiten stehen "gut", "befriedigend" und "schlecht" zur Verfügung. Darüber hinaus sollen die befragten Unternehmen ihre Erwartungshaltung für die nächsten sechs Monate angeben (besser, gleich, schlechter). Die Antworten werden nach Branchen gewichtet und zusammengefasst. Die so gewonnenen Daten müssen sich dann an einem vorher festgelegten Basisjahr (derzeit: 2000) messen lassen. Der Wert aus dem Basisjahr stellt einen Wert von 100 dar. Die aktuelle Befragung (Juli 2008) ergab einen ifo-Index von 94,8 Punkten.

Der ZEW-Index

Hinter dem ZEW-Index verbirgt sich ebenfalls ein Gradmesser für die konjunkturellen Erwartungen. Hier werden durch das indexermittelnde Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) allerdings nicht die Unternehmen, sondern Analysten und institutionelle Anleger befragt. Wirtschaftsexperten zufolge soll der ZEW-Index wiederum richtungsweisend für den ifo-Geschäftsklimaindex sein. Der ZEW-Index ist nach der letzten Erhebung um 11,6 Punkte gestiegen (Stand: August 2008). Allerdings verharrte er mit minus 55,5 Punkten im negativen Bereich, was Ulrich Wortberg von der Helaba mit den besorgten Worten kommentierte: "Die Stimmungsverbesserung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der ZEW-Index auf einem historisch niedrigen Niveau liegt. Anzeichen für ein konjunkturell besseres Umfeld lassen sich nicht ableiten."

Der Konsumklimaindex

Die Gesellschaft für Konsumklimaforschung aus Nürnberg erhebt den sogenannten Konsumklimaindex. Nach Unternehmen und Analysten kommen hier die Verbraucher zu Wort. Monatlich werden im Auftrag der EU-Kommission rund 2.000 Verbraucher nach der Anschaffungsneigung, der Einkommens- und schließlich auch der Konjunkturerwartung befragt. Auch hier verheißen die aktuellen Zahlen nichts Gutes. Für den September 2008 ging der Index auf 1,5 Punkte zurück. Hier hatte die Wirtschaftswelt zwar schon mit einem Rückgang gerechnet, aber selbst eine Negativprognose wird bei Index-Vorhersagen nicht selten noch getoppt. Vom Wirtschaftsinformationsdienst Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten nämlich nur mit einem Rückgang des Index auf 2,0 Punkte gerechnet.

Dass die Institute ihre Indizes nach wissenschaftlichen Methoden erheben, mag niemand ernsthaft in Zweifel ziehen. Der grundsätzliche Nutzen dieser wirtschaftlichen Stimmungsmesser steht ebenfalls nicht in Frage. Fraglich ist allerdings, wie indexhörig sowohl Verbraucher als auch Unternehmer und Analysten sein sollten. Zuweilen drängt sich der Verdacht auf, dass der eine Index nur deshalb trübes Klima prognostiziert, weil die Befragten von dem schlechten Stand des jeweils anderen Index Wind bekommen haben. Vielleicht täte da bei der Beantwortung der Fragebögen zuweilen ein bisschen mehr ökonomisches Selbstbewusstsein gut.

Aktienentwicklung gleicht der Butterproduktion in Bangladesh

Wer es mit der Indexhörigkeit auf die Spitze treiben möchte, dem seien ein paar Beispiele aus der Finanzwelt an die Hand gegeben: Der Super-Bowl-Index wird von sportbegeisterten Anlegern als Gradmesser für die Entwicklung des amerikanischen Aktienmarktes gesehen. Siegt im Endspiel der US-amerikanischen Profi-Footballliga NFL, das traditionell zwischen dem Sieger der American Football Conference und der National Football Conference ausgetragen wird, ein Team aus der NFC, gehen die Börsen hoch, bei einem AFC-Sieg dagegen runter. Trotz einer durchschnittlichen Trefferquote von 80 Prozent lag dieser merkwürdige Index in den letzten Jahren regelmäßig daneben.

Die Entwicklung des amerikanischen Aktienmarktes der letzten Jahrzehnte gleicht übrigens dem Entwicklungsverlauf der Butterproduktion in Bangladesh, wie der kalifornische Wirtschaftswissenschaftler David Leinweber herausgefunden hat. Der internationale Flugverkehr und die Eiscreme-Produktion in Amerika haben ähnliche Entwicklungskurven. Niemand käme jedoch auf die Idee, seine Anlageentscheidung auf Butter oder Eiscreme zu stützen. Oder etwa doch?

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