Inhaltsverzeichnis
2. Die neuen Bankprodukte und Absage an Bordellfinanzierungen

20 Jahre Deutsche Einheit: Bankerin in Ost und West


Ira HollAm 3. Oktober 2010 jährt sich die Deutsche Wiedervereinigung zum zwanzigsten Mal. Während der Wendezeit mussten sich viele Branchen auf Veränderungen und neue berufliche Situationen einstellen, so auch die Banker. Ira Holl, in Malchin bei Neubrandenburg in der ehemaligen DDR geboren, startete ihre Bankkarriere bei der Staatsbank der DDR.

Heute leitet sie die Vorzeigefiliale der Deutschen Bank "Q110 - Die Deutsche Bank der Zukunft" in Berlin. Banktip.de sprach mit ihr über ihre Karriere von der Bankerin-Ost zur Bankerin-West, über Schwarzmarktpreise von Bankfachliteratur und über ungewöhnliche Finanzierungswünsche während der Wendezeit.


Banktip.de: Frau Holl, wissen Sie noch, was Sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben?

Ira Holl: Nein, dass weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es eine sehr bewegte Zeit war.

Banktip.de: Stimmt es, dass Sie rund ein Jahr zuvor, am Tag nach dem Fall der Mauer, bereits am Bahnhof Zoo im damaligen West-Berlin ein Fachbuch über Banken gekauft haben?

Ira Holl: Ja, das ist richtig. Ich habe mir ein Buch gekauft, in dem Bankbegriffe erklärt wurden. Ich wollte mich auf meine neuen Chefs gut vorbereiten. Ich habe das Geld für das Buch übrigens vorher zum Schwarzmarktkurs von eins zu fünfzehn getauscht.

Banktip.de: Sie wussten schon einen Tag nach dem Mauerfall, dass Sie neue Chefs kriegen werden?

Ira Holl: Na ja, die Vermutung, dass da etwas passieren würde, war sehr groß. Und deshalb habe ich einfach zugeschlagen.

Banktip.de: Aber Sie hatten ja schon in der DDR eine Banklehre gemacht, oder?

Ira Holl: Nein, ich habe eigentlich Sport und Biologie auf Lehramt studiert, bin aber in den Beruf nie reingegangen. Zur Staatsbank der DDR kam ich eher durch einen Zufall. Über Kontakte im Sport bin ich gefragt worden, ob ich nicht Lust hätte, bei der Staatsbank zu arbeiten. In der Bezirksdirektion Neubrandenburg war ich dann für die Betreuung bestimmter Betriebe im Bereich Industrie tätig. Kundenverkehr im klassischen Sinn gab es dort nicht. Die Bezirksdirektion war der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Den einzigen Kundenkontakt hatte ich über die Firmenkundenbetreuung wenn wir zu den Kunden in die Betriebe gegangen sind und Besprechungen hatten zu den Themen Finanzierung und Planung.

Banktip.de: Nach der Wende dürfte sich das mit dem Kundenkontakt schlagartig geändert haben. Erinnern Sie sich noch daran?

Ira Holl: Ein Erlebnis aus dieser Zeit werde ich nicht vergessen. Wir saßen ja in einem Haus, das gesichert war und zu dem niemand außer uns Zutritt hatte. Eines Tages kurz nach dem Mauerfall klingelte es an der Tür und draußen stand ein Herr aus Osnabrück mit einer Zeitung in der Hand, in der etwas von einem ERP-Darlehen (Anm. d. Red.: Eigenkapitalhilfedarlehen aus dem European Recovery Program) stand. Das wollte er jetzt als Existenzgründer bei der Staatsbank der DDR beantragen. Wir haben dann erst mal in der Zentrale angerufen und gefragt, ob wir einen Fremden, und dazu noch einen Wessi, in unsere Räumlichkeiten lassen dürfen. Den Klassenfeind sozusagen. Wir haben ihn dann rein gebeten und ihm den DDR-typischen Kaffee angeboten, was für beide Seiten schon mal ein Erlebnis war. Mit ihm führte ich dann mein erstes Finanzierungsgespräch nach dem Mauerfall. Das Gute war, dass er für sein Projekt auch gleich ostdeutsche Partner hatte und sein Konzept gut durchdacht war.

Banktip.de: Ist er heute noch Kunde der Deutschen Bank?

Ira Holl: Ja, er ist es noch. Ich hab noch zu sehr vielen von meinen ersten Kunden Kontakt. Ein Unternehmen besuche ich noch regelmäßig. Da ist schon sowas wie eine Freundschaft entstanden.

Banktip.de: Ihr Erstkunde ist aber sicher nicht der einzige Kunde geblieben.

Ira Holl: Nein nein, der Beratungsbedarf war ja riesengroß. Wir sind in Neubrandenburg im Sommer immer schon um 6.45 Uhr gestartet mit der Beratung. Als die ersten Kunden kamen, haben sich lange Schlangen über mehrere Etagen in unserem Haus gebildet. Termine haben wir wegen des großen Andrangs nicht mehr vergeben. Es wurde nach dem Prinzip "Der Nächste bitte!" bedient. Wir haben zu viert in einem relativ kleinen Zimmer gesessen und haben immer gleichzeitig die Kundenberatungen gemacht.

Das Thema Diskretion war in dem Moment nicht so ohne Weiteres aufrecht zu erhalten. Wir haben versucht, alle Gespräche auf eine halbe Stunde zu begrenzen. Die Mitschriften der Gespräche haben wir immer in Wäschekörben hinter uns abgelegt. In der Nacht haben Kollegen das Ganze dann diktiert und dann zu Protokoll gebracht. Abends ging es für uns dann noch weiter mit der Qualifikation. Die Schulungen gingen dann immer so ab 19 Uhr für uns los, wir hatten ja noch eine Menge an Theorie nachzuholen. Es war schon eine anstrengende Zeit damals.

Banktip.de: Mussten Sie also die Bankerlehre dann doch noch machen oder hieß das Motto eher "Learning by Doing"?

Ira Holl: Eigentlich beides. Ich hatte schon zu DDR-Zeiten ein Fernstudium begonnen, dass ich auch zu Ende gebracht hatte. Daneben gab es dann die Tagesschulungen der Deutschen Bank. 1991 habe ich dann eine Spezialausbildung zum Thema Business-Banking begonnen. Das ging über 18 Monate. Im Rahmen dieser Ausbildung war ich auch in mehreren Filialen in West-Berlin und in den alten Bundesländern, um die Strukturen kennenzulernen.

Lesen Sie auf der nächste Seite welche Bankprodukte die DDR-Bürger interessierten und welche unmoralischen Anfragen Bankkunden nach der Wende stellten.
Tags
Girokonto Vergleich, Beratung Verbraucher, Bank Vergleich, Deutsche Bank, EC-Karte, Girokarte EC, EC-Kartenzahlung
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