Der Statistiker Hans Wolfgang Brachinger hat einen "Index der wahrgenommenen Inflation" entwickelt. In einem Interview mit WELT ONLINE erklärte er die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung, dass alles teurer werde und den offiziellen niedrigen Inflationsraten mit einer schlichten Tatsache: Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und mit unterschiedlicher finanzieller Ausstattung geben ihr Geld für unterschiedliche Dinge aus.
"Einkommensschwache spüren die aktuelle Teuerung im Allgemeinen wahrscheinlich stärker als wohlhabendere Haushalte", beschrieb Brachinger eine zentrale Beobachtung. Besonders hart treffe es Rentnerhaushalte, die überdurchschnittlich viel Geld für Nahrungsmittel ausgeben. Seit April 2006 seien die Preise im Rentner-Warenkorb durchschnittlich um 2,6 Prozent gestiegen. Dieser Wert sei um mehr als 40 Prozent höher als die Teuerung für den Durchschnittswarenkorb, die in dieser Zeit bei durchschnittlichen 1,8 Prozent lag.
Dabei unterscheidet Brachinger sehr wohl zwischen psychologischen Effekten und statistischen, welche in der tatsächlichen Preisentwicklung bestimmter Warenkörbe begründet liegen. Die "gefühlte" Inflation ist etwas anderes als die "wahrgenommene". Während die gefühlte Inflation durch Berichterstattungen oder besonders symbolträchtige Konsumgüter beeinflusst wird, spiegelt die "wahrgenommene" Inflation eine tatsächliche Mehrbelastung der Betroffenen wieder.
Im August 2007 zum Beispiel lag die offizielle Teuerung bei 1,95 Prozent. Die „gefühlte Inflation“ betrug aber 5,2 Prozent. Das sind mehr als zweieinhalb Mal so viel. Am Beispiel der Teuerungsrate im Umfeld der Euro-Einführung stellte Brachinger fest: Gewichtet man die Güter nach ihrer Kaufhäufigkeit, lag die wahrgenommene Inflationsrate um die Euroeinführung mit 3,6 Prozent genau doppelt so hoch wie die offizielle Teuerungsrate. Im Januar 2002 erreichte sie mit 5,4 Prozent ihren Höchstwert.
Brachingers Inflationsindex misst nicht die Geldentwertung, sondern die Konsumpreise. Das sei "eine sinnvolle Ergänzung zum offiziellen Index". Der Statistiker warnte aber davor, seinen Index "als Konkurrenz für den bestehenden Index zu interpretieren. Nach dem Motto: Es kann nur einer richtig sein, der andere ist falsch. Wir müssen lernen, dass komplexe Phänomene wie die Inflation unterschiedliche Aspekte haben, die eben auch unterschiedlich gemessen werden müssen". lautet sein Credo.