In Europa sind Millionen von Menschen zunehmend von sozialer Ausgrenzung bedroht, weil sie keinen Zugang zu elementaren Finanzdienstleistungen haben. Dies geht aus einer Untersuchung hervor, welche die Europäische Kommission der Presse vorgestellt hat.
Der Studie zufolge haben zwei von zehn Erwachsenen in den 15 "alten" EU-Mitgliedstaaten kein Bankkonto; in den im Jahr 2004 neu hinzugekommenen Mitgliedstaaten ist es sogar fast jeder Zweite (47 Prozent). Noch höher liegt die Zahl derer, die keine Sparguthaben besitzen und denen der Zugang zu Krediten verwehrt bleibt. Knapp ein Drittel der Menschen in den alten EU-Staaten hat keine Sparrücklagen und 40 Prozent von ihnen kaum Möglichkeiten, Kredite zu bekommen. In den neuen EU-Staaten verfügt über die Hälfte der Bürger weder über ein Giro- noch über ein Sparkonto, und nahezu Dreiviertel bleibt der direkte Zugang zu Krediten verwehrt.
"Wenn Menschen finanziell ausgegrenzt sind – d. h. keinen Zugang zu angemessenen Finanzdienstleistungen haben –, kann dies ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränken. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie keine Arbeit bekommen, weil sie kein Konto für Überweisungen haben", erklärte der für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit zuständige EU-Kommissar Vladimír Špidla.
Betroffen sind in erster Linie Menschen mit niedrigem Einkommen. Besonders groß ist die Wahrscheinlichkeit der finanziellen Ausgrenzung für jene, die in benachteiligten Gebieten oder in den neuen Mitgliedstaaten auf dem Land leben. Die finanzielle Ausgrenzung ist Teil einer noch viel umfassenderen sozialen Ausgrenzung, der bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgesetzt sind, die keinen Zugang zu Beschäftigung, Wohnraum, Bildung, Gesundheitsfürsorge und anderen existenziellen Grundleistungen haben.
Zur Lösung des Problems finanzieller Ausgrenzung gibt es bereits verschiedene Ansätze, fand die Studie heraus. So gibt es in Belgien, Deutschland, Italien und Großbritannien einfache, kostengünstige Girokonten für Personen mit niedrigem und schwankendem Einkommen, die auch von privatwirtschaftlichen Instituten angeboten werden. Sparkassen, Postämter und andere kooperative, auf Gegenseitigkeit gestützte Anbieter sind oder waren noch aktiver als private Banken bei der Entwicklung neuer Produkte und alternativer Finanzdienstleistungen und sind manchmal die einzigen Anbieter in ihrem Land.
Dabei besteht laut Studie ein Zusammenhang zwischen dem Engagement des Staates und der Einrichtung solcher Basiskonten. In Belgien, Deutschland und Großbritannien unterstützten die jeweiligen Regierungen die Entwicklung grundlegender Finanzdienstleistungen. Parallel sollten finanzielle Bildung und Beratung ebenso gefördert werden wie die soziale Verantwortung der Finanzinstitutionen, lautet ein Fazit der Studie.
Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag der Europäischen Kommission von "Réseau Financement Alternatif" (Belgien), der Universität Bristol (Vereinigtes Königreich), der Universität Mailand (Italien) und der Warschauer Hochschule für Handel (Polen).