Neben seinen Beschäftigten hat der Lebensmittel-Discounter Lidl auch seine Kunden bespitzelt. Möglicherweise wurde dabei beim Bezahlen mit der EC-Karte auch die Eingabe der Geheimnummer gefilmt, berichtet jetzt die "Süddeutsche Zeitung".
Datenschützer und Verbraucherzentralen sind sich einig: Die Videoüberwachung bei Lidl ist nachteilig für die Kunden. Ein Sprecher des Bundesbeauftragten für Datenschutz erklärte, das Hinweisschild zur Videoüberwachung am Eingang der Supermärkte sei ungenügend. Er fragte: "Was nützt mir der Hinweis, wenn ich die Kameras nicht sehen, ja nicht einmal erahnen kann und so nicht weiß, wo ich beobachtet werde?". Hartmut Strube von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen, rät Verbrauchern "dringend ab, bei Lidl mit EC-Karte und Pin-Geheimnummer zu zahlen", sagte er dem Blatt. Denn durch externe Überwachungsfirmen "steigt die Ausspähwahrscheinlichkeit enorm."
Nach Lidl-Angaben werden die Videobänder täglich gelöscht. Gleichzeitig behauptet das Unternehmen aber in einer Presseerklärung, die mit der Diebstahlprävention beauftragten Detekteien hätten eigenmächtig gehandelt: "In Einzelfällen wurden durch die Detekteien zusätzliche und teilweise auch persönliche Informationen über Mitarbeiter protokolliert – das war von uns so nicht gewollt!", heißt es bei Lidl. Wenn die Überwacher ohne Zustimmung des Discounters Protokolle angefertigt haben, könnten sie auch Videoaufzeichnungen kopiert oder nicht gelöscht haben. Wenn Lidl dies ausschließt, bleibt die Frage, ob das Unternehmen nicht doch die illegalen Überwachungsstrategien zumindest gebilligt hat.
In einem weiteren Schreiben empfiehlt Lidl seinen Kunden tatsächlich, bei der bargeldlosen Zahlung Vorsicht walten zu lassen. Durch die Videoaufnahmen sei "die Aufzeichnung Ihrer Pin-Eingabe nicht vollständig auszuschließen. Wenn Sie dies vermeiden wollen, müssen Sie den Eingabevorgang mit der Hand abdecken". Ulrike Weingand, Juristin bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, findet "eine solche Haltung skandalös. Das Schreiben ist für mich ein klares Eingeständnis dafür, dass Lidl sich vollkommen der Nachteile für seine Kunden bewusst ist." Ähnlich äußerte sich auch der Justiziar der Verbraucherzentrale Bayern, Markus Saller.
Dagegen hält der sozialpolitische Experte des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), Heribert Jöris, die Videoüberwachung im Einzelhandel "zur Verhinderung und Aufklärung von Diebstählen und Raubüberfällen für unverzichtbar". Die Videoüberwachung der Kassenzone sei sogar von der Kriminalpolizei und der Berufsgenossenschaft empfohlen, damit Täter überführt werden könnten. Man dürfe dem Einzelhandel die Möglichkeit nicht nehmen, "sich gegen Straftaten zur Wehr zu setzen". Allerdings dürfe die Überwachung nicht dem Ziel dienen, in die Privatsphäre der Mitarbeiter einzudringen.